index

Hitler, Adolf, Mein Kampf
München: Franz Eher Verlag, 1925

Linie
Viereck Olaf Simons, 2004/ 2006

 

 

Publikationsgeschichte
(Internet–)Ausgaben
Literatur

http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/meinkampf/

 

 

Publikationsgeschichte

Die Publikationsgeschichte von Hitlers Mein Kampf ist unter allem anderen, das sich zu ihr sagen läßt, ein Extremfall privater Ausnutzung der Medienpolitik des Dritten Reiches: Korruption interessant legaler Aufhängung. Der erste Band erschien erstmals am 18.7.1925, der zweite wurde mit Publikationsdatum 1927 am 11.12.1926 nachgereicht – beide Bände wurden bis 1930 einzeln zum Preis von 12 RM das Stück verkauft. Man wird die überteuerte Ausgabe am ehesten als verdeckte Wahlkampffinanzierung über die Parteimitglieder der NSDAP einstufen, die in jenen Jahren nicht umhin kamen, sich das Buch zuzulegen. Die Partei finanzierte sich ganz wesentlich als Schrifttumsvertrieb über den eigenen Parteiverlag, an dem Hitler persönlich beteiligt war.

36.000 Exemplare der beiden Bände zu je 12 RM wurden abgesetzt. Hitlers Honoraranteil lag bei 10%, was ihm in den Jahren von 1925 bis 1930 eine private Einkunft von 43.000 Reichsmark einbrachte. Ab 1930 wurden die beiden Bände in einem einzigen Band zum reduzierten Preis von immer noch 8 RM vertrieben – gleichzeitig schoß bis 1933 die Zahl der Parteimitglieder empor. Hitlers Mein Kampf wurde bis zur "Machtergreifung" 287.000 Mal abgesetzt, der persönliche Verdienst des Autors betrug in dieser Absatzphase 229.600 Reichsmark (man kann Reichsmarkpreise mit 5 multiplizieren, um Äquivalente gegenwärtiger Europreise zu erhalten).

Zur Gelddruckmaschine wurde Mein Kampf mit dem Machtantritt, der es Hitler erlaubte, das Buch fortan auf Staatskosten zu verschenken. Die Standesämter erwiesen sich als das optimale Instrument der Buchausgabe. Der Preis blieb bei 8 RM — zu zahlen hatte diesen Betrag der Staat (und damit der Steuerzahler) an den Zentralverlag der NSDAP. An den insgesamt abgesetzten 9,84 Millionen Exemplaren (mit den Ausgaben in anderen Sprachen kletterte die Gesamtauflage auf 10,24 Millionen) verdiente Hitler in den Jahren von 1933 bis 1945 exorbitante 7.613.600 RM.

 

  Verkaufzeitraum Verkaufszahlen Exp. Stückpreis RM Honorar (10%) RM  
Band 1 1925-1930 23.000 12,00 27.600  
Band 2 1927-1930 13.000 12,00 15.600  
Bände 1-2 1930-1932 287.000 8,00 229.600  
Bände 1-2 1933-1945 9.517.000 8,00 7.613.600  
    9.840.000   7.886.400 Summa

 

Der Absatz des Buches wurde künstlich gesichert – nicht nur durch die Ausgabe über die Standesämter. Über die Reichsschrifttumskammer lancierte der Parteiverlag zudem ein spezielles den Antiquariatsbuchhandel betreffendes Verbot, nach dem Mein Kampf nur in Neuausgaben vertrieben werden durfte. Es galt zu verhindern, daß die Empfänger &lbquo;kostenloser“ Exemplare diese neuwertig in den Antiquariatsbuchhandel brachten, wo der Preis in Folge des Überangebots bald gegen Null gegangen wäre — in eine Preislage in jedem Fall, die es nicht mehr gerechtfertigt hätte, daß der Staat fortfuhr, teure Exemplare für die Ausgabe in Standesämtern über des Zentralverlag der NSDAP zu beziehen. Es stünde, so die Erklärung des Antiquariats-Verbots, dem Werk des Führers nicht gut an, wenn es anders als in Neuausgaben (an denen allein der Autor verdiente) seine Leser fände.

 

Das verbotene Buch

Die Rechtsnachfolge des Zentralverlags der NSDAP, Franz Eher/ Nachfolger übernahm der Bayerische Staat. Der weitere Verlag von Hitlers Mein Kampf wurde nach dem Krieg im deutschsprachigen Raum verboten. Mit guten Gründen: Mein Kampf ist ein unverhohlener Aufruf, einen Staat zu schaffen, der Minderheiten diskriminiert und verfolgt, die Demokratie abschafft, sich "Lebensraum" auf Kosten der umliegenden Staaten verschafft – und man möchte weder, daß ein Staat, der sich auf die Nachkriegsverfassung beruft, noch irgend ein Unternehmen sich um die weitere Verbreitung dieser Aufrufe bemüht noch gar an ihr verdient.

Der Stil des Buches ist schwer erträglich. Hitler bietet sein eigenes Leben als Meisterleistung des Autodidakten an, der die Geschichte kennt und dem gesunden Volksempfinden zu seinem Recht verhilft. Garniert ist sein Buch – und das macht es bis auf den Tag zu einem heiklen Text – mit der durchgängigen Behauptung, Deutschland sei eine geknechtete in ihrem Selbstvertrauen geschwächte Nation. Der Autor will aussprechen, was man angeblich schon gar nicht mehr sagen dürfe – ein Anspruch, der fortläuft in den noch immer verbreiteten Gestus, mit dem die Boulevardpresse wie populistische Politiker zu einem "nur gerechten" Nationalismus gegenüber dem doch nicht minder nationalistischen Ausland aufrufen.

Linie

Selbst der Verweis auf internationale Internetausgaben von Hitlers Mein Kampf ist verboten

Hitlers Mein Kampf ist in der Bundesrepublik Deutschland nur noch in einer Auswahlausgabe legal verlegt:

Vollständige Ausgaben wurden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in mehreren ausländischen Staaten – vor allem aus der rechten Szene heraus – in Umlauf gebracht, das Buch avancierte hier zum Kultobjekt. Lange Zeit konnte man zudem bequem Ausgaben aus dem Dritten Reich über den Antiquariatsbuchhandel im Internet erwerben. Ansonsten gilt ein weitreichendes Verbot des Buches und seines Vertriebs, das bis an den Punkt geht, an dem es untersagt ist, auch nur auf die im Internet vorfindbaren Ausgaben zu verweisen. In einer vorigen Version dieser Seite fanden sich kommentierte Links, die ich Studenten der Buchwissenschaft anläßlich eines Seminars gegeben hatte und die an dieser Stelle nicht wiederholt werden dürfen – die diesbezügliche Unterlassungserklärung samt Strafandrohung anbei.

Man könnte meinen, es sei an dieser Stelle jedes Verbot sinnlos, da die verbreitetsten Suchmaschinen html-Ausgaben des Textes anbieten. Tatsächlich greift jedoch an dieser Stelle bereits eine freiwillige Beschränkung der Suchdienste-Anbieter: Google etwa bietet auf google.com und google.de unterschiedliche Suchergebnisse, je nachdem, ob man sie sich mit deutscher oder englischer Kommentierung der Suchergebnisse anzeigen läßt. Die Standardeinstellungen der deutschen Google-Ausgaben sind, was Verweise auf Hitlers Mein Kampf anbetrifft, bereinigt.

Linie

Fragwürdigkeiten des Buchverbots

Das Verbot einer Auseinandersetzung mit dem Text hat letzten Endes fragwürdige Seiten.

Fragwürdig sind alle Auswahlausgaben. Sie lassen offen, was da gekürzt wird. Werden die "schlimmen" Passagen gekürzt – so gerät die Auswahlausgabe in den Bereich der problematischen Verharmlosung des Dritten Reichs. Werden lediglich die seitenlangen, sich wiederholenden Monologe Hitlers gekürzt, so entsteht ein Buch, das einen besseren Eindruck vom Verfasser und seiner Beherrschung der Textmasse erweckt als das Original. In jedem Falle kann der Leser nicht nachprüfen, was mit den Kürzungen entfiel.

Fragwürdig ist es vor allem, den Text dem internationalen rechsextremen Internet zu überlassen – von hier aus erhält der Leser keine Information über die editorische Qualität der Ausgabe, die ihm präsentiert wird: Welche Textfassung ist da ins Netz gestellt, wie verhält sich ihr Wortlaut zu früheren oder späteren Ausgaben der Jahre 1925 bis 1945? Not tut eine wissenschaftliche Textedition, die sorgsam betreut ist, und die kenntlich macht, wann der Text zu Lebezeiten Hitlers an welchen Stellen verändert wurde. Leser, die Hitlers Mein Kampf in Ausgaben der rechten Szene im Internet lesen, werden statt dessen mit Führerbildern, Hakenkreuzemblemen und Links in die rechtsextremistische Szene begrüßt. Anhängerwerbung kommt mit dem Text frei Haus. So preist die Website von "Nazi Lauck NSDAP/AO" ihre Ausgabe mit den Worten:

Überfällig ist an dieser Stelle weniger eine Buchausgabe, die in jedem Fall eine materielle Reliquie in Insiderkreisen erzeugen würde – Hitler von unserem Staat herausgegeben, eine Bibel in rechtsnationalen Kreisen. Angebracht dürfte vielmehr eine Internetausgabe sein, hinter der sich die Bundeszentrale für politische Bildung, das Münchner Institut für Zeitgeschichte oder das Deutsche Historische Museum stellen müßte. Nötig ist eine verläßliche Textfassung im Netz, die so sicher zitierbar ist wie die Erstausgabe und die jeden Run auf antiquarische Exemplare erübrigt: eine Fassung, die es erlaubt, schnell zu den heikelsten Stellen vorzudringen und die gleichzeitig die gesamte Textmasse im Blick behält. Nötig ist eine solche Ausgabe, um klarzustellen, wie offen der Nationalsozialismus mit dem Programm auftrat, das er am Ende bekanntermaßen katastrophal realisierte. Es gehört zur Aufklärung über den Nationalsozialismus, daß man sich diesem problematischen Text zu stellen weiß – staatlicherseits wie persönlich, so könnte man meinen. Effektiv läßt die gegenwärtige Rechtssprechung einen souveräneren Umgang mit dem problematischen Text nicht zu.

Linie

Nachsatz

Die vorliegende Internetseite bot in ihrer ersten Fassung Links in die einschlägigen Internetausgaben des rechten Netzes. Aus ihr (wie den offen verfügbaren Seminarankündigungen in den Vorlesungsverzeichnissen) war klar ersichtlich, daß ich als Dozent der germanistischen Buchwissenschaft an der LMU-München in Seminaren zum Buchangebot der Weimarer Republik und des Dritten Reichs auch diesen Text mit Studenten besprach – und ihn dazu Studenten zugänglich machte. Der Rechtsnachfolger recherchierte diese Umstände, als ich ihn in einer anderen Copyright-Frage im Frühjahr 2006 kontaktierte. Im Nachgang übersandte man mir die beigefügte Strafandrohung samt vorformulierter von mir abzuzeichnender Zusicherung, daß ich weder auf den Text länger mit Internet-Links verweisen würde, noch ihn in Seminaren erneut zugänglich machte.

Im Interesse am offenen Procedere veröffentliche ich nachfolgend das diesbezügliche Schreiben mit der mir zugegangenen Unterlassungserklärung (so von mir abgezeichnet) im zugesandten Dateiformat.

Die kritische und souveräne Auseinandersetzung mit Hitlers Mein Kampf kann – darüber wird zwischen allen Beteiligten Einverständnis bestehen – nur offen geschehen: an Universitäten, unter offener Ankündigung des Diskurses, in frei zugänglichen Veranstaltungen. Sie wird im selben Moment, da ihr der Umgang mit dem Text versagt ist, schwieriger als die verbotene Huldigung des Textes in Szenekreisen, die sich jeder Einsichtnahme entzieht.

Aus dem beigefügten Schriftsatz geht nicht hervor, wo die Auseinandersetzung mit dem problematischen Text legal erfolgen soll. Eines wird das Dritte Reich nicht sein: Ein Betriebsunfall in der deutschen Geschichte, dem wir mit einer festgelegten nationalen Erinnerungskultur begegnen können. Das ist vor allem das Plädoyer für eine souveräne Handhabung der gesamten Masse überlieferter Dokumente aus dem Nationalsozialismus. Der Staat, der mit kritischer Distanz der Vergangenheit gegenübersteht, sollte dies offensiv sowie um größte Transparenz bemüht tun. Archive sollten offenstehen, Informationen sollten in aktuellen Diskussionen von diesem Staat zugänglich gemacht werden in einer Qualität, die es unattraktiv macht, eine subversive Kultur der Reliquienverehrung an selber Stelle in der neo-national-sozialistischen Szene aufzubauen, schlicht weil die Qualitätsmaßstäbe der staatlicherseits offen zugänglich gemachten Information alles überbieten, was private Sympathisanten mit Halbwissen in denselben Zusammenhängen präsentieren können. Hier dürfte die interessantere Diskussion erst bevorstehen.

Olaf Simons, Oldenburg, 11.5.2006

 

Link in Schreiben des Bayerisches Staatsministerium der Finanzen an Dr. Olaf Simons vom 28.4.2006, per e-mail übersandt am 3.5.2006. [Name und Dienstelefon der Referentin machte ich unkenntlich; o.s., 11.5.2006]

 

Literatur

Bannes, Joachim, Hitlers Kampf und Platons Staat. Eine Studie über den ideologischen Aufbau der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung (Berlin: W. de Gruyter, 1933).

Ensor, R. C. K., Herr Hitler's self-disclosure in Mein Kampf, = Oxford pamphlets on world affairs, 3 (Oxford, 1939).

Frind, Sigrid, Die Sprache als Propagandainstrument in der Publizistik des dritten Reiches. Untersucht an Hitlers Mein Kampf und den Kriegsjahrgängen des Völkischen Beobachter (Berlin, 1964), 193 S.

Maser, Werner, Hitlers Mein Kampf. Entstehung, Aufbau, Stil, Änderungen, Quellen, Quellenwert kommentierte Auszüge (Esslingen: Bechtle, 1966).
Adolf Hitlers Mein Kampf. Geschichte, Auszüge, Kommentare 10. Aufl. (Esslingen: Bechtle, 2002).

Zentner, Christian, Adolf Hitler Mein Kampf. Eine kommentierte Auswahl (München: List, 1974), 255 S.

Beyersdorf, Peter, Hitlers Mein Kampf. Anspruch und Wirklichkeit (Hollfeld/Ofr.: R. J. Beyer, [ca. 1974]).

Staudinger, Hans, The inner Nazi. A critical analysis of Mein Kampf, edited, with an introduction and a biographical afterword, by Peter M. Rutkoff and William B. Scott (London/ Baton Rouge: Louisiana State University Press, [c. 1981]).

Halhuber, Max-Joseph/ Obenfeldner, Ferdinand/ Pelinka, Anton, Mein Kampf – heute wieder gelesen (Innsbruck: Österr. Studienverl., 1993), 109 S.

Csar, Roland, Außenpolitische Konzeptionen in Mein Kampf und Krieg und Pazifismus in der Weimarer Republik (Hochschulschrift Wien, Univ., Dipl.-Arb., 1994), 102 Bl.

Zehnpfennig, Barbara, Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation [Zugl.: Hamburg, Univ., Habil.-Schr., 1998] (München: Fink, 2000), 348 S.

Damon, Duane, Mein Kampf Hitler's blueprint for aryan supremacy (San Diego, Calif.: Lucent Books, 2003), 112 S.


Ende