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K.Polizeidirektion München: Überwachungsbericht vom Festabend des Goethebundes am 30.5.1900
München, 31.5.1900

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Viereck

Dokument

StaatsA Mü: Pol.dir. München 2401

Einordnung

Bericht des Polizeibezirkskommissar Grommel an die k.Polizeidirektion München über Festabend des Goethebundes am 30.5.1900. Ort der Veranstaltung: der große Saal des Münchner Kindl Kellers. Zeitungsanzeigen versprechen Kampf und Satire, die Polizei vermerkt, daß es zu keiner Debatte kommen werde, dem Akt liegt bei eine Seite mit den Texten der Lieder, die man anstimmte: "Deutschland, Deutschland über Alles", Ein Kampfeslied von Cäsar Fleischlen von 1894 mit Strophenanfängen wie: "Nicht der Pflicht nur zu genügen" "Sonn' entgegen aus den Alltags| Sorgendumpfen Nebelspuk" "Gieb dem Menschen, was dem Menschen,| Doch lass Gott, was Gott gehört" Heute drum, so lang ein froher| Jugendmut uns führt zum Sieg" Dazu kommt Goethes "Bundeslied" von 1775 und wieder von Goethe "Ergo bibamus!" und natürlich gibt es auch einen ausführlichen Polizeibericht.

Der Bericht ist nachfolgend anzitiert, er läuft mit einer Wiedergabe des wirren Geschehens weiter. Der Kampfbund entwickelt, wie sich bereits mit dem Festakt zeigt, keine einheitliche Stoßrichtung.

Die im Betreff genannte Versammlung, die von ca. 1000 Personen, darunter eine kleinen Anzahl Frauen, besucht war, wurde um ½9 Uhr eröffnet und endete deren officieller Teil um ½11 Uhr; eine Störung trat nicht ein.

Dr. Hirth als Vorsitzender begrüßte die Erschienenen und betonte eingangs seiner Eröffnungen, wie erfreulich die Einmütigkeit sei, mit welcher die geistig aktiven Kreise der Nation sich wie ein Mann erhoben zu einem Proteste gegen die versuchte reichsgesetzliche Knebelung der Künste & Litteratur. Aus diesen Kreisen habe sich eine Phalanx gebildet zur Abwehr neuer räuberischer Überfälle in die idealen Gebiete, sie gründeten den Goethebund. — Der Kampf des Goethebundes richtet sich nicht nur gegen äußere, sondern auch gegen innere Feinde. Aber es gelte jetzt, nicht zu ruhen, bis die Kunst und Litteratur sich jener unbedingten Hochachtung erfreuen, die sie zu beanspruchen haben im Lande der Denker. Redner spricht die Überzeugung aus, daß der Geist unseres Bundesfürsten in uns walten und stark bleiben wird."

H. verliest sodann die eingelaufenen Telegramme von Hermann Sudermann, Otto Ernst (Hamburg), dem Goethebund Hamburg, worauf Dr. Max Halbe das Wort ergreift, um die Ziele des Goethebundes darzulegen. Halbe hält es nicht für alleinige Aufgabe, sich immer zu entrüsten, wozu immer Gelegenheit geboten war u. ist er erinnert an das "Brunnenbüberl" etc., geißelt den im Jahre 1895 gestellten Antrag eines Magistratsrats, aus sittlichen Gründen den Transport von abgehäuteten Kalbshinterteilen durch die Stadt zu verbieten, und meint, mit der Entrüstung allein sei es nicht abgethan. Jetzt gelte es dafür zu sorgen, daß später nicht auch wieder in der zwölften Stunde ein Angriff abgeschlagen werden müsse. Es scheine sich eine neue Renaissance vorzubereiten; die darauf hinzielenden Einzelbestrebungen sollte der Goethebund vereinigen. Goethes Geist, der groß u. herrlich am Eingang der neuen Zeit steht. Goethes Name birgt für die Wiederkehr einer neuen Renaissance. [...]

Prof. Weltrich führte an Schellings Nekrolog auf Goethe 1832 anknüpfend aus, daß von Goethes Geist in der heutigen gebildeten Welt nicht viel zu bemerken sei; Goethes Geburtstag müsse in 50 Jahren durch den Reichstag zu einem Nationalfeiertag erklärt werden. Goethe sei in jeder Beziehung ein bestimmendes Vorbild, dem man Treue geloben müsse.

Dr. M. Conrad sagt, es sei eigentümlich, daß der Goethebund in München entstanden sei, wohin ein Ludwig I Goethe ziehen wollte. Der Goethebund ist plötzlich entstanden, er sei einfach da gewesen u. werde deshalb bestehen bleiben, solange der Kampf zwischen den beiden divergierenden Weltanschauungen bestehe. Die Dunkelmänner mögen im Schatten weiter vegetieren, aber die deutsche Kultur solle durch Bannsprüche u. -flüche von jenseits der Alpen nicht in ihrer Entwicklung gehindert werden. Die Reformation u. die französische Revolution waren die Vorgänger der Renaissance, sie sind die Merkmale des Wiedererwachens des deutschen Bürgertums, die Herausreißung aus den confessionellen Schranken und das Wiedererwachen des hellenischen Geistes. An der Schwelle des 20. Jahrhunderts rennen die Dunkelmänner daher, stoßen ihre Polizeispieß in die Erde u. stecken ein Pfaffenhütchen darauf als modernen Geßlerhut u. sagen: "Volk! verneige dich vor ihm!" Das war nur ein Symbol, die Dunkelmänner sind stets an der Arbeit, wir könnten seekrank werden, wenn wir sehen, was unsere Kinder in den Schulen treiben müssen [...].


Ende