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Umbruch-Verlag Hermann Windel, Wuppertal-Barmen

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Viereck Recherche: Stefan Pautler, Hans-Eugen Bühler, Olaf Simons 2001/04

Gründung am 5.1.1935 — im Adreßbuch des Deutschen Buchhandels ausgewiesen als "Buch- und Zeitschriftenverlag. Verlag für biblische Erziehung u. christl. Schrifttum. Reise- u. Versandbuchh." Adresse: Wuppertal-Barmen, Adolf-Hitler-Straße 481. Inhaber des Verlags: Hermann Windel, Prokurist: Hermann Werner. Laut einer maschinenschriftlichen Notiz, die im Hause Bertelsmann einem späteren Rufer-Verlagskatalog beigefügt wurde, erfolgte die Gründung, da die Zeitschrift Der evangelische Schulfreund, die vom Reichsverband der evangelischen Schulgemeinden herausgegeben wurde, in einem Verlag erscheinen mußte. Die Zeitschrift, die eine Auflage von 120.000 Exemplaren hatte, wurde daraufhin in Das christliche Haus umbenannt. Der Reichsverband hatte seinen Sitz in Wuppertal, erster Vorsitzender war ein Direktor Buchholz, Geschäftsführer war Hermann Windel.

 

Der Rufer, Hermann Werner. Evangelischer Verlag, Wuppertal-Barmen

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1937 geht dem Umbruch Verlag an den Prokuristen Hermann Werner über und wird Der Rufer, Hermann Werner. Evangelischer Verlag umbenannt. Die Geschäftsadresse bleibt Wuppertal-Barmen, Adolf-Hitler-Straße 481.

 

Der Rufer, Hermann Werner, Nachfolger. Evangelischer Verlag, Wuppertal-Barmen

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Febr. 1939

Werner verkauft den Rufer-Verlag an den "Stadtverein für Innere Mission e. V." in Bielefeld zum Preis von RM 5000,-, der Firmenname wird mit dem Zusatz "Nachfolger" versehen. Wie dem in den Bertelsmann-Akten überlieferten Abschrift des Kaufvertrags zu entnehmen ist, wurde Hermann Werner als Geschäftsführer angestellt. Werner wurde nach selben Dokument "dem Vorsitzenden des Stadtvereins als dem Beauftragten des Vereinsvorstandes unterstellt und verpflichtet, in enger Fühlungnahme mit ihm nach Maßgabe der Geschäftsordnung das Schrifttum des Verlages für den volksmissionarischen Dienst zu pflegen und zu fördern"

 

Der Rufer, Gütersloh

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27.7.1939

Heinrich Mohn erwirbt den Verlag zum abermaligen Kaufpreis von RM 5000,-, zu-züglich der dem Stadtverein durch die Übernahme des Rufer-Verlages entstandenen Unkosten in Höhe von RM 2500,-. Mohn übernimmt Werner als Prokuristen. In einem entsprechenden Vertrag zwischen Mohn und Werner wird darüber hinaus festgehalten, daß "Herr Mohn beabsichtigt, den Verlag in der bisherigen Richtung energisch weiter zu entwickeln und seinen Wirkungsgrad zu verbreitern und zu vertiefen". Zu den drei Vertretern, die von Seiten aus des Bielefelder Stadtvereins für Innere Mission den Vertrag unterzeichnen, gehört der Bielefelder Pastor Wilhelm Kuhlo — Kuhlo war in den zwanziger Jahren mit mehreren Büchern für Posaunenchöre Autor bei Bertelsmann.

Für Heinrich Mohn bedeutet der Erwerb des Rufer-Verlages vor allem eine Chance, im Bedarfsfall auf die Anordnung der Reichsschrifttumskammer vom 31. März 1939 reagieren zu können, die weltliche Verlage mit auch nur geringer theologischer Produktion zwingt, als theologische Verlage zu firmieren. Jederzeit kann Bertelsmann nun die theologische Produktion dem Rufer-Verlag überschreiben und damit als durch und durch weltlicher Verlag firmieren — eine Option, von der das Unternehmen jedoch erst 1943 gebrauch machte.

1941-1942

Die theologische Produktion der Unternehmen Der Rufer und C. Bertelsmann läuft stillschweigend aus. In den Genehmigungsverfahren, die jedweder Buchproduktion vorgeschaltet sind, und die die Produktion für die Front privilegieren, spielen Theologica keine weitere Rolle mehr. Bertelsmann avancierte 1939-1941 zum wichtigsten Lieferanten der Wehrmacht. Der Rufer-Verlag beschränkte sich dagegen zunehmend auf den Absatz bereits vorrätiger Ware.

März/April 1943

Umfassende Schließungsaktionen im Buchgewerbe. In der "Amtlichen Bekanntmachung der Reichsschrifttumskammer Nr. 156" vom 1. April 1943 beruhen die Schließungsbescheide auf dem Führererlaß vom 13. Januar 1943. Der Abdruck dieser Bekanntmachung erfolgte im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Amtliche Bekanntmachung der Reichsschrifttumskammer Nr. 156, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 110, Nr. 79, 10. April 1943, S. 61-62). Ab April 1943 werden über 20 Schließungslisten erstellt. Der Rufer-Verlag findet sich frühzeitig in diesen. Die Schließungsverfügungen sollen zwar lediglich für die Kriegsdauer gelten, gleichwohl, so vermerkt das Protokoll einer Sitzung des Kleines Rates des Börsenvereins, sollte "Möglichkeit" bestehen, "Firmen, deren Verschwinden im kulturpolitischen Interesse liegt, auch nach dem Krieg geschlossen zu halten". (So die Ausführungen von Dr. Witzmann auf der gemeinsamen Sitzung des Kleinen Rates des Börsenvereins und des Rates der Gruppe Buchhandel vom 7. Mai 1943, BAB, R 56 V, 108, Bl. 3)

Neben dem Rufer-Verlag ist im April 1943 auch der Verlag C. Bertelsmann von der Schließung bedroht — dies trotz der Tatsache, das das Unternehmen mittleweile mit gewaltigem Volumen für die Wehrmacht arbeitet. Aus zwei Schreiben aus dem RMVP vom 24. und vom 30. März 1943 hervorgeht (BAB, R 56 V, 108, Bl. 43 und Bl. 44, Briefe des RMVP an den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, 24.3.1943 und 30.3.1943). Über den Bertelsmann-Verlag würden "z. Zt. noch Erhebungen angestellt", "möglicherweise", so der Stand vom 24. März, werde Bertelsmann "aus der Schließungsliste gestrichen", auch am 30. März stand der "endgültige Bescheid noch aus".

7.4.1943

Eine Initiative, die der Verlag C. Bertelsmann mit seinem Autor Will Vesper absprach, mündet in einen Handel mit dem Propagandaministerium, das in letzter Instanz für Schließungen auf dem Verlagssektor zuständig ist. Vesper macht in angeblich unabhängiger Verhandlungsposition (die Briefwechsel mit dem Bertelsmann-Verlagslektor Gustav Dessin offenbaren, daß jeder Schritt wohlabegesprochen ist) mit Schreiben vom 7.4.1943 an Staatssekretär Gutterer den Vorschlag Bertelsmann bestehen zu lassen, wenn das Unternehmen dafür im Gegenzug seine theologische Produktion offiziell abgibt an ein Unternemen, das regulär geschlossen wird. Der Verlag "Der Rufer" wird in dem Schreiben nicht namentlich erwähnt, ist jedoch das Unternehmen, das hier zur Disposition steht.

12.4.1943

Gerhard Steinsiek meldet dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, daß die theologische Produktion des Verlags C. Bertelsmann-Verlages an den Rufer-Verlag abgegeben wurde (STAL BV F 719 (Firmenakte Bertelsmann).

15.4.1943

Schreiben Gustav Dessin an Hans Grimm, mit der Mitteliung, "[...] daß nach den Berliner Besprechungen, die sich wochenlang hinzogen, die Gefahr [der Schließung des Unternehmens C. Bertelsmann] nunmehr gebannt zu sein scheint. Ich hatte vorgestern zwei Verhandlungen in Münster, nämlich eine Vorbesprechung mit der Gaupropagandaleitung und danach die Hauptsitzung mit vier Herren der Gauleitung. Da dürfte dann die endgültige Entscheidung gefallen sein. Gleichzeitig ist der ganze Rest des nichtschöngeistigen Schrifttums von C. Bertelsmann an den (sr. Zeit von Herrn Mohn erworbenen) Verlag Der Rufer übergegangen, der seinerseits stillgelegt werden wird.".

16.4.1943

Heinrich Mohn teilt dem Erlanger Luther-Forscher Hans Preuß mit, daß es nötig gewesen sei, "den nicht zum schöngeistigen Schrifttum des Verlages C. Bertelsmann gehörenden Literaturteil an den Rufer-Verlag überzuleiten". Beiliegend schickt er Preuß eine größere Anzahl der Titel zu, die dieser bei Bertelsmann verlegte — es erscheint ihm ratsam, diese "schon jetzt zuzustellen, da ich es unter Umständen später sonst nicht mehr kann" (UA Erlangen, NL Hans Preuß, MS 2666, Heinrich Mohn an Hans Preuß, 16. 4.1943.)

27.4.1943

Heinirch Mohn ab Hans Preuß "Inzwischen hat sich die Lage so verschärft, dass ich mit einer baldigen Stillegung des Rufer-Verlages im Zuge der Stillegungsaktion rechnen muss. Ich weiss nicht, was dann aus den noch vorhandenen Vorräten wird." (UA Erlangen, NL Hans Preuß, MS 2666, Heinrich Mohn an Hans Preuß, 27.4.1943.)

Mitte Mai 1943

Die Entscheidung Schließung des Rufer- und Beibehaltung des Bertelsmann-Verlages erfolgte offiziell. die Umsetzung der Schließung des Rufer-Verlages verzögert sich jedoch.

17.9.1943

Heinrich Mohn an Hans Preuß mit der Mitteilung, daß: "inzwischen [...] für den Rufer-Verlag nun doch der Schließungsbefehl gekommen" sei, "so daß ich jetzt leider nicht mehr ausliefern kann".

Die Schließung des Verlags Der Rufer schloß den weiteren Druck und Verlag von Büchern aus. Sie ließ offen, was mit Lagervooräten zu geschehen hatte. In der angeführten "Amtlichen Bekanntmachung der Reichsschrifttumskammer Nr. 156" wurde den "Betrieben des vertreibenden Buchhandels", die unter die Schließungsverfügung fielen, detailliert die Durchführungsbestimmungen der Schließung erläutert. Dem "zuständigen Landeswirtschaftsamt" war danach "innerhalb von zwei Wochen nach Eingang des Schließungsbescheides [...] ein Verzeichnis der vorhandenen Bestände an verlagsneuen Gegenständen des Buchhandels und an modernem Antiquariat einzureichen" ( 2, 2). Ein Verkauf der Bestände war "vom Tage des Inkrafttretens des Schließungsbescheides an" untersagt ( 3). Nach Weisung der Landeswirtschaftsämter hatte eine Übertragung der Buchbestände auf "bestehen bleibende Betriebe des vertreibenden Buchhandels" zu erfolgen ( 4, 1). Der "Inhaber oder der verantwortliche Leiter des zu schließenden Betriebes" konnte allerdings beantragen, "daß die Verwertung der bei der Schließung vorhandenen Bestände im Wege der freiwilligen Zusammenlegung mit einem bestehen bleibenden Betrieb" erfolgen könne ( 4, 2). Käme eine "solche Zusammenlegung nicht zustande, könne "der zu schließende Betrieb" dem Landeswirtschaftsamt "Vorschläge für den Erwerb der Warenbestände durch einen bestehen bleibenden Betrieb einreichen" ( 4, 3). Diese Übertragung sollte "in erster Linie auf einen Betrieb im gleichen Ort, in zweiter Linie auf einen gleichen Betrieb im gleichen Gau erfolgen" ( 4, 3).

6.11.1943

Der Rufer-Verlag erhält von der RSK unter dem AZ IIZ-AO157-Schne am auf den "Antrag über die Verwertung ihrer Verlagsbestände" als vorläufigen Bescheid: "In dieser Angelegenheit wird Ihnen mitgeteilt, dass sie bis zur endgültigen Entscheidung die Auslieferung Ihrer Restbestände in der von Ihnen beantragten Form vornehmen dürfen." (Sammlung UHK, RSK an Firma "Der Rufer" Evangel. Verlag Hermann Werner Nachf., 6.11.1943.) Vom selben Tage datiert ebenfalls ein Schreiben der RSK an das Werbe- und Beratungsamt für das deutsche Schrifttum in Berlin, in dem letztere darüber in Kenntnis gesetzt wird, den geschlossenen Verlagen bis auf weiteres die Auslieferung zu gestatten. Der Rufer-Verlag befindet sich auch in diesem Schreiben unter den geschlossenen Verlagen. (Sammlung UHK, Schreiben Werbe- und Beratungsamt vom 6.11.1943).

Im Unternehmen C. Bertelsmann wird Fritz Wixforth mit der Abwicklung des Rufer-Verlags betraut. Er kann diese Tätigkeit jedoch nur bis zu seiner Verhaftung Anfang Februar 1944 ausüben.

23.8.1944

Heinrich Mohn spricht gemeinsam mit Gustav Dessin im Gauhaus Münster bei Dr. Kracht vom Reichspropaganda-Amt vor in der Frage, ob der Rufer-Verlag weiterverkaufen dürfe. Dessin hält in einer Gesprächsnotiz die Antwort fest: "Gegen Ende der Unterredung [...] fragte Herr Mohn noch einmal abschließend wegen der Auslieferung [von bereits gedruckter Ware des Rufer-Verlages], und Herr Kracht wiederholte: 'Sie vertreiben ruhig weiter!' Dr. Kracht fügte noch hinzu: 'Neu produziert wird ja nicht mehr.' Herr Mohn bestätigte, daß bereits seit Jahren, wohl seit 1941, nicht mehr produziert worden sei."

26.8.1944

Im Rahmen der aktuellen Schließungswelle ergeht sowohl an den Verlag Der Rufer wie an den Verlag C. Bertelsmann eine Schließungsverfügung — (beide gehen am 28.8.1944 in Gütersloh ein).

2.9.1944

Heinrich Mohn wendet sich in Sachen Rufer-Schließung an die RSK und macht "darauf aufmerksam, daß meine Firma schon im Herbst des Jahres 1943 geschlossen wurde. Damit dürfte die Angelegenheit erledigt sein." (Im Durchschlag im Archiv Bertelsmann). Die Initiative soll wohl vor alem gewährleisten, daß die Modalitäten, die man für das weitere Geschäft von ehemaligen Bertelsmann- und jetzigen Rufer-Theologica aushandelte, bestehen bleiben.

1945/46

Der Rufer-Verlag wird reaktiviert und vor alem dazu genutzt, die ehemalige Bertelsmann Jugendheft-Serie Spannende Geschichten in einen neuen Verlag zu bringen.


Ende